Der Wandel der Welt
Das Streben nach einem Quantensprung in der “Angelegenheit Mensch”
von Ervin Laszlo
Dieser Text wurde geschrieben am 17.01.2008; veröffentlicht am 20.01.2008
unter der Internetadresse:
http://www.worldshiftnetwork.org/action/background/article/8.html
(übersetzt aus dem Englischen von Caroline Jakubowski)
Ervin Laszlo ist Gründer des “Club of Budapest” und designierter Kanzler der “GlobalShift University” (Giordano Bruno GlobalShift University), Autor von über 400 Arbeiten und Artikeln und über achtzig Büchern, u.a. “Science and the Akashic Field” (2007) und “Quantum Shift in the Global Brain” (2008) sowie Mitbegründer und Vorsitzender der Stiftung “WorldShift Foundation”.

Was ist die Frage?

Würde Hamlet heute leben, hätte er mit mehr Überzeugung denn je sagen können: sein oder nicht sein, das ist die Frage. Aber es wäre nicht der Schädel eines Einzelnen, über den er sinnieren würde, sondern das Schicksal der gesamten lebenden Erde. Wird es uns weiterhin möglich sein, auf diesem Planeten zu sein oder werden wir doch ausgelöscht werden wie die Dinosaurier?

Wir sind an einem grundlegenden Wendepunkt angelangt; einem globalen Scheidepunkt. Unser Überleben steht auf dem Spiel. Wir zerstören diesen Planet. Der Abbau der grundlegenden biologischen und physikalischen Ressourcen hat bereits ihren Höhepunkt erreicht. Wälder, Fischarten und Korallenriffe werden grundlegend geschädigt und verschwinden, Böden verarmen aufgrund von Raubbau und Chemikalien; die Diversität wird verringert durch Genmanipulation. Die Süßwasserreserven nehmen ab; mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung leidet unter einer Wasserknappheit oder sieht sich dieser gegenüber. Und nichtzuletzt die klimatischen Veränderungen bedrohen weite Teile der besiedelten und für die Nahrungsmittelproduktion genutzten Flächen unseres Planeten.
Wir zerstören die sozialen Gefüge. Es herrscht eine wachsende Unsicherheit sowohl in wohlhabenden als auch in armen Ländern sowie eine zunehmende Neigung zu Mitteln wie Terrorismus und Krieg. Islamistischer Fundamentalismus durchzieht den Mittleren Osten, während in Amerika religiöser Fanatismus heranwächst und in Europa Neo-Nazis und andere extremistische Bewegungen auftauchen. Die Kluft zwischen den Wohlhabenden und Mächtigen auf der einen und den Armen und Ausgegrenzten auf der anderen Seite wird immer größer. Achtzig Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts wird von einer Milliarde Menschen erbracht, während die restlichen zwanzig Prozent auf über fünfeinhalb Milliarden Menschen entfallen. Jeder dritte Stadtbewohner lebt in Slums, Elendsvierteln und urbanen Ghettos; über 900 Millionen werden eingestuft als Slumsbewohner.

Wenn wir so weitermachen, werden sich verändernde Wetterbedingungen Dürre und Hurricans hervorrufen sowie Ernteausfälle und steigende Meeresspiegel. Hungersnöte und Frustration werden den Terrorismus anstacheln und Kriege auslösen. Die empfindliche Balance unserer gobalen Interdependenz wird zerstört. Von dem darauf folgenden globalen Kollaps wird kein Land dieser Welt verschont bleiben. Sein oder nicht sein, das ist die Frage. Wenn wir weiterhin auf diesem Planeten sein wollen, müssen wir uns ändern. Werden wir dies tun – und werden wir es rechtzeitig tun?

WARUM wir uns ändern müssen

Wenn wir uns rechtzeitig ändern möchten, müssen wir unsere momentane Situation begreifen und vor allem die Ursachen ihrer fehlenden Nachhaltigkeit, genannt “unsustainabilty”. Der Begriff “unsustainability” kam zwar erst in den letzten fünfzehn Jahren auf, der Gedanke dahinter ist jedoch nicht neu. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlichte Thomas Malthus das “Bevölkerungsgesetz”, seine bekannte Abhandlung über Nahrung und Bevölkerung. Er konstatierte zum einen, dass Nahrung notwendig für die Existenz der Menschheit sei, und zum anderen, dass sich die Menschen stets auf dieselbe Weise fortpflanzen würden. So schrieb er, die Kraft der Population sei unendlich größer als die Kraft unseres Planeten genügend Nahrungsressourcen zur Verfügung zu stellen. Daher wird zwangsläufig der Zeitpunkt kommen, an dem der Bevölkerungszuwachs die Nahrungsmittelproduktion übersteigt. Es wird mehr Menschen geben als unser Planet ernähren kann. Die Malthusianische Katastrophe ist eine vereinfachte Version des Scheidepunkts, an dem wir uns nun befinden. Im Moment steht nämlich nicht nur die Produktion einer ausreichenden Menge von Nahrung auf dem Spiel, sondern die gesamte Basis des Lebens auf diesem Planeten. Und die kritische Entwicklung liegt nicht nur im Bevölkerungszuwachs – egal, wie viele Menschen es sind – sondern zunächst und vor allem im Konsum jedes Einzelnen und in seinem Verhalten gegenüber der Umwelt. In den sechzig Jahren seit dem 2. Weltkrieg haben wir mehr biologische und physikalische Ressourcen dieses Planeten verbraucht als in der gesamten Menschheitsgeschichte davor. Und wir produzieren mehr Abfälle als die Natur aufnehmen kann, während wir mehr Ressourcen entnehmen als sie regenerieren kann. Das ist nicht nachhaltig. In Bezug auf Nahrung zum Beispiel wissen wir, was nachhaltig bedeutet: Das Erzeugnis von 1,7 ha Land pro Kopf. Aber der durchschnittliche ökologische Fußabdruck beträgt heutzutage 2.8 ha (und wäre noch weitaus größer, wenn die ärmsten nicht einen unhaltbar kleinen Fußabdruck hätten). Nahrung ist jedoch eine der grundlegenden Ressourcen, die wir zum Leben und zu unserer Entwicklung benötigen, und wir nutzen diese übernäßig und verschwenderisch. Was wird geschehen, wenn wir die Grenze der verfügbaren Ressourcen erreichen? Wenn in einem Laborversuch die Anzahl der Bakterien die Menge der Nährsubstanz übersteigt, sterben sie. Wenn Mäuse eine gewisse Grenze an Unterernährung unterschreiten, werden sie unfruchtbar; Lemminge begehen Massenselbstmord. Aber wenn eine hochentwickelte Spezies wie der Mensch die Grenze der verfügbaren Ressourcen erreicht, muss sie nicht zwangsläufig sterben, Selbstmord begehen oder unfruchtbar werden. Sie kann ein Bewusstsein für die Situation entwickeln und ihr Verhalten ändern. Mit einem veränderten Bewusstsein würde sie anders auf die Welt schauen und andere Werte und Prioritäten besitzen. Sie könnte lernen, nachhaltig zu leben.

WIE wir uns ändern können

Ghandi sagte, man müsse selbst die Veränderung sein, die man sich wünscht für diese Welt. In der heutigen Welt bedeutet dies, dass man sein eigenes Bewusstsein ändern muss, damit andere Menschen dies auch tun. Aber wie geht sowas? Zunächst einmal muss man sein altes Bewusstsein loswerden sowie die Werte und Überzeugungen, die es unterstützen.
Fragen Sie sich selbst: Glaube ich, dass
– jeder allein dasteht und zu Recht nur seine eigenen Interessen verfolgt;
– das Leben ein Existenzkampf ist, den nur die Stärksten (also die Wohlhabendsten oder Mächtigsten) überleben;
– in diesem schonungslosen Wettbewerb um Stärke der Zweck alle Mittel heiligt;
– man umso besser (und somit auch glücklicher) ist, je mehr Geld man hat;
– jeder Mensch nur einer Nation und einem Unternehmen gegenüber zur Loyalität verpflichtet ist – alle anderen sind Fremde und Konkurrenten;
– wir uns für den Krieg rüsten müssen, wenn wir Frieden wollen;
– Technologie und Effizienz die Lösung für alles sind, egal was die Frage ist;
– die Erde für alle Vorhaben und Absichten der Menschen eine
unerschöpfliche Ressourcenquelle und ein unendlich großes Auffangbecken für Abfallprodukte darstellt;
– die Umwelt wie eine Kolonie oder eine Autobahn technisiert und verändert werden kann, um unseren Bedürfnissen und Ansprüchen zu entsprechen.

Wenn Sie dies glauben, sind Sie ein Teil des Problems. Aber wie können Sie stattdessen ein Teil der Lösung werden? Hier müssen Sie einen Schritt weiter gehen und umdenken. Wie Einstein bereits sagte, kann man Probleme niemals durch dieselbe Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Solch eine neue Denkweise ist nicht utopisch oder noch nie da gewesen; sie zeichnet sich bereits in kreativen Teilen der Gesellschaft ab. In zahlreichen „alternativen Kulturen“ denken und handeln Menschen bereits auf eine weitaus positivere Art und Weise. Sie alle teilen zwei grundlegende Überzeugungen. Eine davon ist, dass die alte Weisheit „Wir sind alle Eins“ nicht bloß Fiktion, sondern tatsächlich in der Wirklichkeit verwurzelt ist. William James hatte Recht: Wir sind wie Inseln im Meer, auf der Oberfläche voneinander getrennt, aber in der Tiefe miteinander verbunden.

Die zweite Überzeugung bezieht sich auf die Verantwortung der Menschen seinen Mitmenschen und der Umwelt gegenüber. Wenn wir Eins sind miteinander und mit der Natur, endet unsere Verantwortung nicht bei uns selbst, unserer Familie, unserem Land und unserem Unternehmen; sie umfasst stattdessen die gesamte Gesellschaft und Biosphäre. Ihnen gerecht zu werden ist weitaus mehr als Charity. Wenn wir ein Teil der Menschheit sind und die Menschheit ein Teil des Lebens auf diesem Planet ist, fügen wir all das, was wir anderen und der Natur antun, ob positiv oder negativ, auch uns selbst zu.

Wenn wir unsere überholten Überzeugungen loswerden und eine neue Denkweise annehmen, ändern wir unser Bewusstsein und somit auch uns selbst. In diesen kritischen und instabilen Zeiten kann diese Veränderung der Schmetterling sein, der einen Sturm entfacht. Sie kann weit streuen und am Ende die ganze Welt verändern.

WANN wir uns ändern sollten

Wenn man aufschreit: “Das ist der letzte Strohhalm!“, ist in diesem Aufruf ein grundlegendes, wenn auch weithin unbekanntes Prinzip enthalten. Das der Nichtlinearität. Wenn man den Rücken eines Kamels mit Säcken belädt, kann man solange weitere Säcke hinzufügen, bis das Gewicht die Belastungsgrenze des Kamels erreicht. Dann genügt buchstäblich nur noch ein Strohhalm, um ihm das Rückgrat zu brechen. Das Ganze ist somit ein schrittweiser, sanft ansteigender und linearer Prozess, der sich ganz plötzlich zu einem nichtlinearen Ereignis entwickelt.

Dies geschieht auf eine ähnliche Art auch in der Natur. Eine Spezies kann mit Veränderungen in ihrer Umwelt umgehen und diese ertragen – bis zu einem gewissen Punkt. Wenn diese Veränderungen sich akkumulieren, erreicht der Stress, welchem die Spezies ausgesetzt ist, einen kritischen Punkt und sie stirbt aus. Es sei denn natürlich sie mutiert. In relativ einfachen Systemen führt das Erreichen solch eines kritischen Punkts zum Zusammenbruch. In komplexeren Systemen stellen diese kritischen Punkte Scheidepunkte dar: Es kann entweder der eine oder der andere Weg genommen werden. Sie führen nicht unweigerlich zum Zusammenbruch, sondern können ebenso einen Durchbruch bewirken. Im Jahre 1989 erhielt eine Gruppe von DDR-Flüchtlingen die Erlaubnis, den eisernen Vorhang nach Österreich zu durchqueren. Das war die kleine aber kritische Erschütterung, die dem gesamten System das Rückgrat gebrochen hat – es war „der letzte Strohhalm“. Innerhalb weniger Wochen sagten sich die kommunistisch regierten osteuropäischen Staaten von der Sowjetunion los und weniger als ein Jahr später hörte diese endgültig auf zu existieren. Die kommunistische Partei der Sowjetunion, die mächtigste Partei der Welt, verlor nicht nur an Macht, sondern wurde sogar gesetzlich verboten. Die Staaten, aus denen die Sowjetunion bestanden hatte, verschwanden jedoch nicht: Nach einer Periode des Chaos‘ und des Beinahe-Zusammenbruchs, haben sie es geschafft, sich zu offeneren Gesellschaften zu entwickeln.

In den letzten zehntausend Jahren haben viele Gesellschaftsformen, sogar gesamte Zivilisationen kritische Wendepunkte erreicht. Einst blühende Kulturen verschwanden; die Babylonier, die Sumerer, die Mayas oder die Bewohner der Osterinsel sind einige Beispiele. Aber andere haben diese Aufgabe gemeistert: sie haben sich verändert und überlebt. Die Geschichte belegt, dass diese Veränderungen oftmals tiefgreifender Natur waren. Steinzeitliche Stämme lebten in mythologischen Welten: Sie kommunizierten mit den Bäumen, Tieren und den Seelen ihrer Vorfahren. Die Menschen sahen sich als Teil eines mysteriösen, aber bedeutungsvollen Kosmos des Lebens. Vor zehntausend Jahren wandelte sich diese Welt zu den theokratischen Kulturen des alten Ägypten, Babylon, China und Indien. Hier wurde die menschliche Existenz von den dogmatischen Gesetzen verschiedener Himmelsgötter bestimmt. Wie Hermes Trismegistos deklarierte: „Wie oben, so unten.“ Vor zweieinhalb tausend Jahren entstand anschließend am nördlichen Ufer des Mittelmeers eine weitere Kultur, eine die sich selbst bestimmte auf Grundlage ihrer menschlichen Vernunft anstatt eines vererbten Glaubens. Dies war die Kultur des antiken Griechenlands.

Zu Beginn des modernen Zeitalters fand in der westlichen Zivilisation jedoch noch eine weitere kulturelle Mutation statt. Diese neue Kultur kombinierte Elemente ihrer Vorgänger, war jedoch ausgestaltet durch den Glauben in die Macht des Verstandes, der durch die Griechen entstanden war. Gestärkt durch die Theorien und Beobachtungen von Galileo, Newton und Kopernikus, entstand eine materialistische und mechanistische Sicht auf die Welt. Dies erlaubte der Newtonschen Klassischen Physik sich mit dem traditionellen Handwerk zu verbinden. Daraus entstand eine ganze Reihe von revolutionären Technologien.

Heute in Zeiten der globalen Information, Kommunikation, Interdependenz und Umweltzerstörung ist diese mechanistisch-materialistische Weltanschauung jedoch überholt und kontraproduktiv. Sie wird in den Wissenschaften zwar nicht mehr angewandt, aber die Technologien, die aus ihr heraus entstanden sind, und die Handlungsweisen, die sie angeregt hat, sind weiterhin vorhanden. Viele davon rauben die Umwelt aus und dienen der Unterwerfung und Manipulation von Menschen. Sie produzieren mehr Wärme als Licht – mehr Nebenerscheinungen als Nutzen. Die Zivilisation, die im Moment die Erde bevölkert, ist so nicht mehr tragbar: falls sie nicht untergehen möchte, muss sie sich verändern. Das Streben nach einem Quantensprung in der „Angelegenheit Mensch“ ist das Streben nach der Schaffung einer Zivilisation, die sechseinhalb Milliarden Menschen ermöglicht in Würde und in Harmonie miteinander und mit der Natur zu leben. Solch ein Wandel der Welt ist möglich. Wir haben die Einsichten, die Technologien und die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen. Was uns fehlt sind der Wille und die Vision. Um diese beiden Punkte aufzubringen, müssen wir unser Bewusstsein ändern. Erst mit einem an die aktuellen Umstände angepassten Bewusstsein könnten wir unsere Werte und Prioritäten ändern – uns selbst und schließlich die Welt. Es bedarf eines Wandels der Welt, und die Zeit ist knapp. Die Trends und Prozesse, die die jetzige Welt zu einem kritischen Scheidepunkt führen, beschleunigen sich immer weiter. Die Atmosphäre erwärmt sich, die Diversität verringert sich, die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich, Gewalt und Unruhe nehmen zu und der Abbau vieler für das Leben und unsere Entwicklung benötigten Ressourcen hat bereits ihren Höhepunkt erreicht. Prognosen bezüglich des nächsten wesentlichen Wendepunkts wurden mehrfach korrigiert, von einem Jahrhundert auf nur die Hälfte und schließlich sogar auf die nächsten zehn Jahre. Es ist gut möglich, dass dieser globale Scheidepunkt bereits Ende 2012 erreicht sein wird – der am meisten prophezeite Wendepunkt in der gesamten Menschheitsgeschichte. Er wird mit Sicherheit aber noch während des Lebens der meisten von uns eintreten. Wann auch immer er erreicht ist, wir müssen jetzt handeln, um sicherzustellen, dass er nicht der Auftakt zum Zusammenbruch sein wird, sondern der Durchbruch zu einer friedlicheren
und nachhaltigeren Welt.

Der Wandel der Welt

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